Ziergeflügel

Ziergeflügel

Als Ziergeflügel wird nach älterer Definition all jenes Geflügel bezeichnet, welches nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern vielmehr als Blickfang in Parks oder Volieren gehalten wird. In neuerer Zeit wird zudem betont, dass es sich beim Ziergeflügel um Wildgeflügel handelt, welches in freier Natur in unterschiedlichsten Regionen der Erde beiheimatet ist. Der Zierwert, den diese vielfältigen Spezies teilen, ist heute wie früher ausschlaggebend, weshalb sich Menschen mit der Haltung dieses Geflügels befassen. Der Erhalt dieser wildlebenden Geflügelspezies in menschlicher Obhut erfährt in Zeiten der zunehmenden Lebensraumzerstörung und des Artensterbens zunehmende Bedeutung.

Ziergeflügel lässt sich in drei Vogel-Ordnungen unterteilen. Zu den Hühnervögeln (Galliformes) zählen mehr als 250 Arten, von der winzigen Zwergwachtel bis zum stattlichen Pfau. Die Wild- oder Ziertauben (Columbiformes) umfassen mehr als 300 Arten, ihr kleinster Vertreter ist die Zwergtaube, die größte die Krontaube. Die Gänsevögel (Anseriformes) zählen rund 300 Arten. Ferner werden gelegentlich die Tinamus oder Steißhühner (Tinamiformes) zum Ziergeflügel gezählt. Doch trotz hühnerartigem Erscheinungsbild stehen diese evolutionsbiologisch den Laufvögeln näher.

Die Haltung von Ziergeflügel hat im europäischen Raum eine lange Tradition. Schon im antiken Rom wurden Pfauen, die Ausdruck eines hohen gesellschaftlichen Status waren, gehalten. Auch wurden zu dieser Zeit Edelfasanen aus Vorderasien importiert, die zunächst der Zierde wegen, später für Jagdzwecke gehalten wurden. Diese Fasanen begründeten die weitere Verbreitung des sogenannten Jagdfasans in Mitteleuropa. Im 17. Jahrhundert erlebte die Ziergeflügelhaltung in der Aristokratenklasse eine besondere Bedeutung. Wieder war es die Prächtigkeit des Ziergeflügels, dass sie zum Statussymbol in den herrschaftlichen Parks wurden ließ. Zu dieser Zeit wurden die ersten Fasanerien gegründet, mit dem primären Ziel, Jagdfasanen für die Auswilderung zu züchten. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts, mit der Gründung der ersten zoologischen Gärten, entwickelte sich die Ziergeflügelhaltung rasch weiter. Mit der zunehmenden Zahl von Vogelimporten aus aller Welt, gelangten plötzlich weitaus mehr Ziergeflügelarten nach Europa. Die zumeist tropische Herkunft und die Ansprüche des importierten Ziergeflügels stellten neue Herausforderungen dar. Mit Einfallsreichtum und Fingerspitzengefühl der Akteure der damaligen Zeit gelang es, schon bald von vielen Arten Nachzucht zu erzielen.

Zur größten Zäsur in der Haltung des Ziergeflügels kam es in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Durch den aufkommenden Vogelhandel, dem zunehmenden Wohlstand und dem traditionellem Hobby der Tierzucht wurde Ziergeflügel in allen gesellschaftlichen Schichten populär. Es entwickelte sich ein Hobby, dass auch wirtschaftlich Neuerungen, beispielsweise im Bereich von Spezial-Futtermitteln, mit sich brachte. Mit dem wachsenden Absatzmarkt für diese wurde die Produktpalette an Futtermitteln stetig erweitert, wodurch in heutiger Zeit eine bestmögliche Versorgung der gehaltenen Spezies sichergestellt ist. Auch das Hobby selbst wollte organisiert werden. Zum Ende des 20. Jahrhunderts gründete sich der Verband der Ziergeflügelzüchter (VZI) innerhalb des Bundes Deutscher Rassegeflügel (BDRG), um das Ziergeflügel und dessen Haltung in Deutschland zu fördern. Es folgten zudem Gründungen von speziellen Schutzorganisationen, wie der World Pheasant Association (WPA) mit einer späteren deutschen Sektion, oder Interessengemeinschaften, wie der IG Wildtauben innerhalb der AZ. Auch nimmt das Ziergeflügel, wenngleich eher als Randerscheinung, einen Platz in anderen Vogelzuchtverbänden ein.

Gegenwärtig kommt der Ziergeflügelhaltung eine neue Bedeutung zu. Mit dem zunehmenden Verlust natürlicher Lebensräume, illegalem Handel oder massiver Jagd geraten immer mehr Vogelarten an den Rande ihrer Existenz. Als in den 1930er-Jahren Edwardsfasanen aus Vietnam oder in den 1960er-Jahren Socorrotauben nach Europa gelangten, hielt es wohl niemand für möglich, dass diese Arten zu Beginn des 21. Jahrhunderts ausgestorben sein werden. Doch gezielte Zucht in den Volieren, in zoologischer Gärten, wie auch privater, ist es gelungen, diese Arten vor dem unumkehrbaren Aussterben zu bewahren. Durch gezieltes Engagement und großem finanziellen Einsatz wird es gelingen, diese Arten wieder in ihrer ursprünglichen Heimat anzusiedeln – ein Verdienst all jener, die sich über Jahrzehnte hinweg mit der gewissenhaften Haltung dieser Arten befasst haben!

Alles in allem hat die Ziergeflügelhaltung eine gesellschaftliche Tradition und gehört zur europäischen Kultur. Durch Reflexion des eigenen Handelns, infolge von Änderung der Sicht auf das Mensch-Tier-Verhältnisses, hat sich eine permanente Weiterentwicklung der Ziergeflügelhaltung zu einer artgerechten Haltung und praktische Tier- und Artenschutz vollzogen.

 Königsfasan (Syrmaticus reevesii)

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 Mandarinente (Aix galericulata)

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